Fachinformationen Fachinformationen

Zurück

Telling Truths, Changing Lives: Veranstaltungsbericht zur Jahreskonferenz der Eurodiaconia 2019

Dieselbe Kernfrage wie die Unerhört-Kampagne der Diakonie Deutschland stellten sich die rund 100 Teilnehmer*innen der Jahreskonferenz der Eurodiaconia vom 13. bis 15. März in Schottland: Welche Wahrheiten müssen Kirche und Diakonie aussprechen, um wirklich etwas in unseren auseinander driftenden Gesellschaften zu ändern?

Von Finnland bis Tschechien, von Deutschland bis Griechenland: Die Teilnehmer*innen der Jahrestagung des Netzwerks europäischer Diakonien kamen aus allen Ecken des Kontinents und doch bewegten sie dieselben Fragestellungen: „Kirche und Diakonie werden in Europa im Moment eher als Teil des dysfunktionalen Systems gesehen als als Teil der Lösung“, fasste Romana Belova, Vorsitzende des Eurodiaconia-Aufsichtsrats, in ihrer Begrüßung zusammen. Wie lässt sich das ändern? Indem wir uns für die Wahrheit stark machen, so der Versuch einer Antwort, der als These über der Konferenz stand. Ergänzung nach drei Tagen voller Vorträge, Diskussionen und Workshops: Ja, aber möglicherweise lauter und provokanter als bisher.

Über einige Grundannahmen war man sich in der Podiumsdiskussion am ersten Konferenztag recht schnell einig: Die Diakonie muss Wahrheiten aussprechen, auch wenn sie damit einmal Fördermittelgebern oder Spendern vor den Kopf stößt. Die Diakonie muss Wahrheiten aussprechen, ohne dabei besserwisserisch rüberzukommen – denn sonst wird sie eher auf Ablehnung stoßen, so Paul McNamee, Chefredakteur der Obdachlosenzeitung „The Big Issue“. Die Diakonie muss einen Raum schaffen, in dem auch Menschen, die sonst nicht gehört werden, ihre persönlichen Wahrheiten erzählen können, so Romana Belova. Die Diakonie muss sich auch in die Perspektive jener Menschen hineinversetzen, deren Ansichten sie nicht teilt, so Keynote-Speakerin Anne Birgitta Pessi, Professorin für Church and Social Studies an der Universität Helsinki. So weit, so wenig überraschend.

Wohlfühlgeschichten oder unangenehme Wahrheiten?

Die Frage, die sich anschließt, lautet: Was genau ist mit Wahrheit gemeint? Die "Wohlfühlgeschichte" eines ehemaligen Obdachlosen, der es einmal schwer hatte, bis er bei der Diakonie Hilfe bekam? Die Klischee-Alleinerziehende, die für einen Zeitungsartikel über Kinderarmut von einer Redaktion herbeigeschafft und dann mit erwartbaren Sätzen über teure Kinderfahrräder in hundert weiteren Blättern zitiert wird? Der Fall einer armenischen Familie, die in Den Haag drei Monate lang Kirchenasyl bekam und mit einem ebenso langen Dauergottesdienst vor der Abschiebung bewahrt wurde? Pfarrer Derk Stegemann berichtete auf der Eurodiaconia-Jahreskonferenz von den 1.000 an dieser Aktion beteiligten Geistlichen sowie 150 Freiwilligen, von Medienvertretern, die die Heiligkeit der Kapelle störten, und „countless candles“. Auch solche Geschichten sind natürlich wichtig. Aber nicht nur. Es muss auch um unbequemere Wahrheiten gehen.

In diesem Zuge wurde auf der Eurodiaconia-Jahreskonferenz im Workshop „Telling Truths, Speaking Out“ die „Unerhört“-Kampagne der Diakonie Deutschland vorgestellt: Die Idee, zuerst mit der Doppelbedeutung des Wortes „Unerhört!“ zu provozieren („Unerhört! Diese Obdachlosen“), und auf der Kampagnenwebseite www.unerhört.de neben obdachlosen, geflüchteten und alten Menschen unter anderem auch „besorgte Bürger“ zu Wort kommen zu lassen. Ganz einfach, weil sich 15% der Bevölkerung mit ihren Sorgen und Nöten nicht einfach ignorieren lassen. Weil wir ins Gespräch kommen müssen, um als Gesellschaft wieder zusammen zu wachsen. Die Workshop-Teilnehmer*innen zeigten sich, obwohl dieser Ansatz den Eingangsforderungen der Konferenz hundertprozentig gerecht wird, zuerst einmal verwundert: Darf das sein? Darf ausgerechnet die Diakone Menschen eine Plattform bieten, die davon sprechen, dass Deutschland „von Muslimen geflutet“ werde? Kann „Lasst uns einander zuhören!“ eine Kampagnenbotschaft sein? Ist das nicht zu wenig? Hören wir bei der Diakonie nicht schon immer zu? Was ändert das reine Zuhören: Werden Ängste dadurch kleiner und unsoziale Verhaltensweisen verändert? Was kommt nach dem Zuhören? Doch im Verlauf der Tagung fand die Diakonie-Kampagne immer breitere Zustimmung: Ja, wir müssen die Menschen lehren zuzuhören. Denn nur weil wir das bei der Diakonie tun, tun das noch nicht automatisch alle Menschen. Ja, wir müssen auch unbequeme Wahrheiten aussprechen. Denn die Diakonie ist gefestigt genug in ihrer eigenen Haltung und stark genug in ihrer Öffentlichkeitswirksamkeit, dass sie es sich als einer der wenigen gesellschaftlichen Akteure erlauben kann, auch andere Meinungen auszuhalten.

Mitgefühl in guten Zeiten

Eine weitere Kernidee der Unerhört-Kampagne: Nicht nur ausgegrenzten oder auffälligen Gesellschaftsgruppen zuzuhören, sondern auch den Durchschnittsbürgern, die nur allzu leicht durch das Raster fallen. Auch die Mittelschicht möchte Nächstenliebe erfahren, sonst entsteht Unzufriedenheit. In ihrem Keynote Vortrag auf der Eurodiaconia Jahreskonferenz plädierte Anne Birgitta Pessi ebenfalls dafür, Mitgefühl (compassion) nicht erst in Krisensituationen hervorzukramen. Nur wenn man Alltag und auch Freude miteinander teile (co-passion) könne in schweren Zeiten ein echtes Miteinander entstehen.

Vom Miteinander in guten Zeiten, das die Eurodiaconia über die Jahre seit ihrer Gründung in 1997 aufgebaut hat, profitierte die Konferenz nun auch in Zeiten des Brexits, der während der Tage in Schottland in aller Munde war. Das britische Parlament lehnte ein Ausscheiden aus der EU ohne Abkommen ab und forderte eine Brexit-Verschiebung. Die schottischen Gastgeber zeigten sich dankbar, dass sich die Vertreter der Eurodiaconia-Mitglieder gerade in dieser politischen Situation auf den Weg nach Großbritannien gemacht hatten, um Gemeinschaft zu demonstrieren. Beim Abendempfang im schottischen Parlament sagte Parlamentsmitglied Dr. Alasdair Allen: „In Zeiten wie diesen brauchen wir mehr internationale Projekte als zuvor und nicht weniger.“ Viv Dickinson von Crossreach, einer der größten christlichen Hilfsorganisationen in Schottland, unterstützte diesen Aufruf: „Trotz der Differenzen müssen wir gemeinsam am Thema soziale Gerechtigkeit weiterarbeiten.“

Deutsche Beteiligung in der Eurodiaconia

Dass die Diakonie Deutschland sich weiter federführend im Netzwerk europäischer Diakonien einbringen und die geforderten Kooperationen fördern wird, dafür sorgt ab sofort Dr. Stephanie Scholz, Europareferentin bei der Diakonie Deutschland. Sie tritt im Vorstand der Eurodiaconia die Nachfolge von Maria Loheide, Vorstand Sozialpolitik der Diakonie Deutschland, an, die nach zweimaliger Amtszeit nicht wiedergewählt werden konnte. Mit vier anderen Kandidaten für insgesamt fünf offene Positionen im Supervisory Board wurde Scholz per Mehrheitsbeschluss in das Amt gewählt.

Für die Diakonie Deutschland kann der Austausch bezüglich verschiedener Fragen, die sich ihr drängend stellen, mit anderen Eurodiaconia-Mitgliedern sehr interessant sein. So muss sich beispielsweise auch die Organisation Crossreach mit der Frage auseinandersetzen, ob es noch zeitgemäß ist, die Zugehörigkeit ihrer Mitarbeiter*innen zu einer christlichen Kirche zu fordern. Nach einer Entscheidung der General Assembly der Church of Scotland dürfen Muslime nun beschäftigt werden. Damit das christliche Ethos erhalten bleibt, wurde jedoch ein maximaler Anteil von Andersgläubigen in der Mitarbeiterschaft vereinbart. Für Führungskräfte gilt weiterhin die Voraussetzung der christlichen Kirchenmitgliedschaft. Andersgläubige unterschreiben ein Abkommen, dass sie in ihrer Arbeit das christliche Ethos hochhalten.

Weitere Learnings und ein Fazit

Journalist Paul McNamee forderte die Eurodiaconia-Mitglieder im Rahmen der Podiumsdiskussion auf der Jahreskonferenz auf, bei der Verkündigung ihrer Botschaften lauter und moderner vorzugehen. NGOs müssten an der digital economy teilhaben. Sie müssten viel intensiver noch die Social Media nutzen, um für Freiheit und Nächstenliebe zu werben. „Damit unsere Botschaften gehört werden, reicht es nicht mehr, dass sie gut und richtig sind“, sagte McNamee und schlug vor: „Wir müssen Geld ausgeben, um gehört zu werden [gemeint waren zum Beispiel Facebook-Anzeigen und Suchmaschinenmarketing; d. Red.], denn auch die Gegner geben Geld dafür aus. Sie werden uns sonst übertönen.“

Neben der Podiumsdiskussion und der Wahl der neuen Mitglieder des Supervisory Boards standen Projektbesuche in Glasgow auf der Tagesordnung der Konferenz. Die Teilnehmer*innen hatten unter anderem die Wahl zwischen den Einrichtungen Daisy Chain (Frühe Hilfen), Williamwood (Wohnheim für Demenzkranke) und WEvolution (Selbsthilfegruppen für Frauen). Ein schottischer Ceilidh (Tanzabend) und ein Gottesdienst in der berühmten Greyfriars Kirk in Edinburgh rundeten das Programm ab.

Ein Fazit zum kontrovers diskutierten Konferenzthema „Telling Truths, Changing Lives“ formulierte Samuele Pigoni, Direktor der Diaconia Valdese: Bei aller Selbstkritik und allem Bewusstsein für die neuen Aufgaben, die auf uns zukommen, sollten die Diakonien wohlwollender bei der Beurteilung ihrer eigenen Arbeit sein. Zeiten der gravierenden politischen und gesellschaftlichen Veränderungen seien nun einmal das Wesen des Lebens. „Es wäre seltsam und unglaubwürdig, wenn wir immer direkt eine Lösung parat hätten. Wir müssen auch einmal die Unsicherheit aushalten und Fragen offen lassen können.“ Wenn wir uns in diesen Zeiten einfach an unseren Grundwerten wie der Nächstenliebe festhielten, so Pigoni, könnten wir nichts falschmachen.